Cookie-Bestimmungen

Unsere Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Website und durch Ihre Zustimmung zu den Nutzungsbedingungen stimmen Sie dem Gebrauch von Cookies zu Cookie-Bestimmungen.

Article (4/53)
Pensionskassen mangelt es nicht an Herausforderungen
Pensionskassen mangelt es nicht an Herausforderungen
Zurück

Pensionskassen mangelt es nicht an Herausforderungen

08/05/2019

M. Nicolas J. Firzli

M. Nicolas J. Firzli

World Pensions Council (WPC)

View profile
Florence Fontan

Florence Fontan

BNP Paribas Securities Services

View profile
Dietmar Roessler

Dietmar Roessler

BNP Paribas Securities Services

View profile
Philippe Tassin

Philippe Tassin

BNP Paribas Securities Services

View profile

Einschätzungen von vier Experten zu den derzeitigen Entwicklungen bei Pensionskassen – von der Diversität über den Klimawandel bis hin zum Datenmanagement

In der Geschäftsführung von Pensionskassen fehlt es an Diversität. Dies scheint sich derzeit zu verändern – aber handelt es sich dabei um eine tiefgreifende, dauerhafte Entwicklung?

M. Nicolas J. Firzli: Diversität in der Führung eines Unternehmens ist ein wesentlicher Bestandteil von ESG – sowohl mit Blick auf das „S“ als auch hinsichtlich des „G“. Darüber hinaus ist Diversität ein wichtiges Element der Sustainable Development Goals (SDGs), insbesondere natürlich der Ziele „Geschlechtergerechtigkeit“ (SDG 5) und „Weniger Ungleichheiten“ (SDG 10).

Noch vor sechs oder sieben Jahren waren die obersten Führungsebenen der Pensionskassen in der nördlichen Hemisphäre vor allem durch männliche, „weiße“, der Oberschicht zugehörige Mitarbeiter besetzt. Lediglich in Industrieunternehmen wie British Steel oder National Grid saßen eine Handvoll Gremiumsmitglieder, die von den Gewerkschaften nominiert wurden. Sogar unter den großen staatlichen Pensionskassen Kaliforniens und Ontarios ließ sich keine soziale, ethnisch-kulturelle oder geschlechtsspezifische Diversität entdecken.

Viele Pensionskassen haben dies mittlerweile erkannt und stellen sich die Frage: „Wie können wir Diversität von Unternehmen, deren Aktien wir besitzen, einfordern, wenn wir diese Maßstäbe nicht an uns selbst anlegen?“ Und tatsächlich haben wir in den vergangenen 18 Monaten diesbezüglich Veränderungen festgestellt. Auch auf dem World Pensions Council am Rande der 73. UN-Generalversammlung in New York fanden mehrere Diskussionsrunden mit Vertretern von Pensionskassen aus den G20-Staaten zu diesem Thema statt. Ergebnis dieser Diskussionen war, dass sich viele Pensionskassen ihrer eigenen Diversität mittlerweile verstärkt widmen.

Florence Fontan: Ich beobachte auch, dass die Pensionskassen das Thema Diversität nun vorantreiben. Gleichwohl sind noch viel zu wenige Frauen in der Geschäftsführung von Pensionskassen vertreten. Trotz der gesetzlichen Verankerung und den vielen Initiativen des Gesetzgebers, den Frauenanteil zu erhöhen, wird Diversität in ihrer Dringlichkeit weiterhin übersehen. Pensionskassen sind gefordert, die Diversitätsbemühungen noch schneller umzusetzen.

Wie können Pensionskassen in der derzeitigen Marktlage die Renditen ihrer Anlagen am besten steigern – ohne dadurch ihre Risiken zu erhöhen?

Philippe Tassin: Für Pensionskassen wird es seit rund zehn Jahren immer schwieriger, ihren Verpflichtungen und den damit verbundenen Renditezielen nachzukommen. Die von ihnen verfolgten Investmentstrategien stoßen an ihre Grenzen. Hinzu kommt: Durch die wegbrechende Unterstützung der Notenbanken werden die Aktien- und Rentenmärkte jetzt zunehmend instabil und nervös.

Pensionskassen sollten daher zunächst auf unterschätzte Liquiditätsrisiken achten. Darüber hinaus empfiehlt es sich, verstärkt aktive Strategien zu verfolgen. Eine gute Möglichkeit, Renditen bei geringen Risiken zu erzielen, bietet außerdem das Instrument der Wertpapierleihe. Damit der Wertpapierleihe geringere Risiken mit Blick auf die Kontrahenten, auf die verpfändeten Sicherheiten und auf das Scheitern untertägiger Abwicklungen einhergehen, kann die Wertpapierleihe ein Portfolio innerhalb der Risikogrenzen aufwerten.

In der Vergangenheit hat sich die Wertpapierleihe zur Erzielung höherer Renditen immer wieder bewährt. So kommt eine Umfrage, die 2017 von der Publikation “Funds Europe” durchgeführt wurde, zum Ergebnis, dass zwei Drittel der Befragten Wertpapiere verleihen, um damit insbesondere höhere Renditen zu erzielen. Ein Drittel der Befragten nutzten dieses Instrument dagegen vorwiegend dazu, Kosten zu decken.

Parallel dazu setzen die Regulierungsbehörden auf eine Verbesserung der Transparenz. Ab 2019 sind Angaben zu den Transaktionen und zu den Sicherheiten in Europa meldepflichtig.

Wie sollten sich Pensionskassen mit Blick auf das Klimarisiko verhalten? Sind geografische Unterschiede oder unterschiedliche Ansätze zu beobachten?

Florence Fontan: Pensionskassen verwalten ein Vermögen von 41 Billionen US-Dollar. Mit diesem Vermögen können sie erheblich auf eine nachhaltige Zukunft einwirken. Ich habe vor kurzem gelesen, dass die Assets under Management, die in Kanada nach nachhaltigen Kriterien angelegt sind, in den vergangenen zwei Jahren um 42 Prozent gestiegen sind und erstmals über 50 Prozent aller kanadischen Assets under Management ausmachten.

Einige Pensionskassen, wie zum Beispiel AP4, haben begonnen, die Auswirkungen ihrer Investitionen auf die Sustainable Development Goals (SDG) abzubilden. Andere, wie zum Beispiel APG und PGGM, definieren Klassifizierungen für SDG-bezogene Investitionen. Aber es gibt große Unterschiede: Laut der jüngsten OECD-Umfrage unter den großen Pensionskassen entfallen bei den meisten Anbietern weniger als 1 Prozent ihrer Assets auf „grüne“ Investitionen.

Ich bin davon überzeugt, dass die Finanzindustrie Verantwortung übernehmen muss, damit die Energiewende beschleunigt und die Ziele zur Begrenzung der Erderwärmung erreicht werden. Aus diesem Grund hat BNP Paribas Richtlinien festgelegt, die bestimmte Investments ausschließen. Außerdem entwickeln wir Tools, die institutionellen Investoren helfen, das ESG-Risiko in ihren Portfolios zu analysieren.

Dietmar Roessler: Die BNP Paribas hat jüngst eine Umfrage unter institutionellen Investoren rund um die Welt durchgeführt, um herauszufinden, welche Bedeutung für sie ESG heute und morgen hat. An dieser Umfrage haben über 340 Asset Manager und Asset Owner teilgenommen und die Ergebnisse sind sehr aufschlussreich: So erwartet fast die Hälfte aller Befragten, dass in den nächsten zwei Jahren 50 bis 75 Prozent ihrer Mittel ESG-Faktoren einbeziehen. ESG ist damit längst kein Trend mehr, sondern Mainstream.

Dieser Anteil könnte noch weitaus höher sein, wenn Klarheit über die Definition von ESG-Kriterien bestünde. Die Umfrage zeigte, dass viele institutionelle Investoren ihre Investments nicht an ESG-Faktoren orientieren, weil sie über die unterschiedlichen Abgrenzungen eines nachhaltigen Investierens verwirrt sind. Die voneinander abweichenden Definitionen tragen außerdem wesentlich dazu bei, dass Asset Manager sich schwer tun, Produkte zu entwickeln, die den jeweiligen Bedürfnissen der Asset Owner entsprechen. Zu wünschen wäre daher, dass sich möglichst bald weltweit akzeptierte Standards für ein verantwortungsbewusstes Investieren herausbilden und durchsetzen.

Können Sie uns aktuelle Beispiele für interessante Asset-Strategien und / oder geographische Diversifikationsstrategien von Pensionskassen geben?

M. Nicolas J. Firzli: Im letzten Jahr konnte man einen starken Anstieg passiver und quantitativer Strategien beobachten, zu denen insbesondere ETFs und faktorbasierte Lösungen zählen. Außerdem ist die Nachfrage nach nicht börsennotierten Vermögenswerten gestiegen: Infrastruktur, Immobilien, Private Equity, Unternehmensanleihen von KMU und Private Debt.

Zu beobachten ist auch eine teilweise Renaissance aktiver langfristiger Equity-Investitionen und eine Abkehr von Benchmarks – ein Ansatz, den Benjamin Graham von der Columbia University und der CFA Society of New York als „Intelligent Investment“ bezeichnet hat. Eine neue Generation US Equity-orientierter Asset Manager hat sich herausgebildet, die von der Columbia-Buffet Schule inspiriert wurden. Sie haben viel Interesse und Geld von US-amerikanischen, kanadischen und asiatischen Pensionskassen und Stiftungen erhalten – ein ermutigendes Signal für die Zukunft der nicht robotisierten Kapitalanlage!

Manchmal kommen Länder-, Assetklassen- und Investmentvehikel-Diversifizierungen zusammen: Dies war beispielsweise im vierten Quartal 2017 bei Tennessee Consolidated Retirement System der Fall, einer staatlichen Pensionskasse mit einem Vermögen von 56 Milliarden US-Dollar. Obwohl Blue-Chips aus Südkorea, Thailand, Vietnam und Taiwan kurzfristig 30 bis 35 Prozent ihres Wertes verloren, setzte diese Pensionskasse weiterhin auf diese Märkte, da sie Südkorea und die benachbarten ASEAN-Staaten zu den interessantesten Märkten für langfristige Investitionen zählten. Indem sie flexible, kostengünstige ETFs einsetzten, die breit aufgestellte Aktienindizes des asiatisch-pazifischen Raums abbildeten, behielten sie ihr Engagement bei bzw. bauten dieses sogar aus und erzielten im Frühjahr 2018 sehr stattliche Gewinne.

Vor welchen zentralen Herausforderungen mit Blick auf das Datenmanagement stehen Pensionskassen? Und wie kann diesen begegnet werden?

Philippe Tassin: In den letzten zwei Jahren sind vermutlich mehr Daten generiert worden als in der gesamten Menschheitsgeschichte. Dadurch sind die Speicherung und die Nutzung von Daten zu einer großen Herausforderung für alle Organisationen geworden. Dies gilt natürlich auch und insbesondere für Pensionskassen; denn allein die Investments und die Verbindlichkeiten einer Pensionskasse erzeugen Hunderttausende von Datenpunkten.

Früher war es extrem schwierig für Pensionskassen, aus diesen Daten wertvolle Informationen zu generieren – aufgrund von Problemen bei der Speicherung und dem Zugang sowie unzulänglicher Rechenleistung. Der technologische Fortschritt macht es möglich, dass diese Daten nun in Data Lakes und in der Cloud gespeichert sind, so dass diese mit entsprechenden Mitteln extrahiert werden können.

Um eine volle Übersicht über ihre Investments und Verbindlichkeiten zu erhalten, müssen Pensionskassen die Daten in gängige Formate überführen und sie anschließend bereinigen und aggregieren. Die größte Herausforderung besteht dabei in der Aggregation der Daten, insbesondere weil die Daten aus zahlreichen Quellen stammen.

Ein Wertpapierverwahrer ist dagegen in der Lage, diese Daten zu aggregieren und neue Services zur Nutzung der Daten zu entwickeln, indem bisher nicht erkannte Signale identifiziert und geschaffen werden.

Dietmar Roessler: In der bereits erwähnten Umfrage von BNP Paribas nannten die Befragten mit Blick auf ESG die Datenqualität als ihre größte aktuelle Herausforderung. Daher wird die Datenaggregation und -analyse von den Befragten mit höchster Priorität für Technologieinvestitionen eingestuft. In den nächsten zwei Jahren planen 52 Prozent der Befragten, Technologiepartner von Drittanbietern zur Unterstützung von ESG-Investitionen zu beauftragen.

Die Befragten erwarten auch, dass die Regulierung zur Offenlegung von ESG-Faktoren zunehmen wird. 60 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass die politischen Entscheidungsträger ihre Anforderungen an die Offenlegung von ESG in den nächsten 12 Monaten erhöhen werden. 61 Prozent der Befragten plant außerdem, aus diesem Grund mehr Ressourcen für ESG bereit zu stellen. Die britische Finanzaufsicht hat im Februar dieses Jahres bereits entsprechende Richtlinien vorgelegt: Diese sehen vor, dass ESG-Fonds ihre Ziele künftig im Prospekt und in anderen regulatorischen Veröffentlichungen darlegen. Darüber hinaus müssen sie darüber informieren, wie sie die Zielerreichung messen und wie sie hierüber mit den Anlegern kommunizieren. Auch diese Entwicklung wird die Anforderungen an das Datenmanagement von Pensionskassen noch einmal erhöhen.

Folgen Sie uns