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Der Solvenznachweis: ein jährlicher Gesundheitscheck. Was sagen die SFCRs über den europäischen Versicherungssektor aus?
Der Solvenznachweis: ein jährlicher Gesundheitscheck. Was sagen die SFCRs über den europäischen Versicherungssektor aus?
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Der Solvenznachweis: ein jährlicher Gesundheitscheck. Was sagen die SFCRs über den europäischen Versicherungssektor aus?

22/06/2018

Marie-Laure Richard

Marie-Laure Richard

Zuständig für Finanzinstitute, Versicherungsexpertin

BNP Paribas

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Die meisten Versicherungsgesellschaften haben ihre Berichte zur Solvenz- und Finanzlage für 2017 („SFCR“) veröffentlicht. Dabei handelt es sich um vorgeschriebene, öffentliche aufsichtsrechtliche Berichte gemäß der Solvabilität II-Richtlinie. Doch was erfährt man eigentlich aus ihnen?

Überblick über die Solvabilität II-Kennzahlen

Auf der Grundlage einer Stichprobe von 19 der größten EMEA-Versicherer beträgt der durchschnittliche Quotient nach der Solvabilität-II-Richtlinie[1] 200 Prozent. Dies ist das Doppelte der aufsichtsrechtlichen Mindestanforderung. In dieser Stichprobe weisen Rückversicherer nach wie vor die höchsten Kennzahlen aus (durchschnittlich 240 Prozent), gefolgt von Multiline-Versicherern (221 Prozent) sowie Lebens- und Sachversicherern (beide rund 180 Prozent). Die hohen Ergebnisse der Rückversicherer reflektieren die Streuung der von ihnen versicherten Risiken. Die Rückversicherer unserer Stichprobe verwendeten zur Berechnung ihrer Quotienten zudem ein internes Modell. Dies ist auf ihre durch das Rückversicherungsgeschäft bedingte große Kompetenz auf dem Gebiet der Risikomodellierung zurückzuführen.  

Die niedrigsten Quotienten liegen im Bereich von 130 bis 150 Prozent, doch könnte ein derartiges Niveau bei erstklassigen Versicherern die Dividenden belasten und wird wahrscheinlich keine Zustimmung unter Investmentanalysten finden.

Temperaturkontrolle: die Zusammensetzung des Quotienten

Im Unterschied zur Höhe des Quotienten selbst zeigen die Berichte deutliche Unterschiede in seiner Zusammensetzung, wie sich bei der Analyse der anrechenbaren Eigenmittel und der Solvabilitätskapitalanforderungen zeigt.

Anrechenbare Eigenmittel

Grob gesagt bestehen die anrechenbaren Eigenmittel nach der Solvabilität II-Richtlinie aus (a) Eigenkapital, (b) nachrangiger Verschuldung, (c) latenten Steueraktiva und (d) einer „Reconciliation Reserve“, die mehr oder weniger dem Nettobetrag der Bewertungsdifferenz zwischen der Buchführung (Bilanz nach IFRS oder lokalen GAAP) und der Bilanz nach Solvabilität II entspricht. Nach der Solvabilität II-Richtlinie sind zukünftige Gewinne[2] anrechenbar und können in der Rücklage zur Angleichung zwischen lokaler Bilanzierung und Solvency II (Reconciliation Reserve) berücksichtigt werden.

In unserer Analyse der SFCRs für 2017 weisen alle 19 Versicherer eine starke Kapitalausstattung (das Eigenkapital entspricht mindestens 30 bis 40 Prozent der anrechenbaren Gesamteigenmittel) und eine geringe Verschuldung auf (die nachrangige Verschuldung macht weniger als 20 Prozent aus). Dabei ist zu beachten, dass bis zu 35 Prozent der anrechenbaren Eigenmittel der Rückversicherer aus zukünftigen Gewinnen stammten, die als potenziell schwankungsbehafteter „immaterieller“ Wert aufgefasst werden könnten. Die zukünftigen Gewinne der Lebensversicherer entsprachen im Vergleich dazu 12 Prozent der anrechenbaren Eigenmittel.

Solvabilitätskapitalanforderung

Die Anforderung basiert auf einem alle 200 Jahre auftretenden Verlust, wobei diverse (finanzielle und versicherungsmathematische) Parameter mit entsprechenden Korrelationen berücksichtigt werden.

Für Lebensversicherer stellt das „Marktrisiko“ (d.h. Verluste aufgrund von Marktvolatilität) 61 Prozent der gesamten Solvabilitätskapitalanforderung dar, während sich das reine Versicherungsrisiko auf lediglich 30 Prozent beläuft. Mit anderen Worten: Gemäß der Solvabilität II-Richtlinie ähnelt das Risikoprofil von Lebensversicherungen (in ihrer Gesamtheit) eher dem einer Bank als dem einer Versicherungsgesellschaft. Auf Sach- und Rückversicherer trifft das Gegenteil zu.

Die könnte teilweise erklären, warum insbesondere europäische Lebensversicherer davon ausgehen, dass die Solvenzbestimmungen ihre Risiken nicht angemessen repräsentieren: Für einen herkömmlichen Lebensversicherer ist es von zentraler Bedeutung, für die garantierten Renditen entsprechende Vermögenswerte bereitzuhalten. Im Unterschied zu einer Bank schlägt sich ein Wertrückgang eines Vermögenswertes jedoch nicht sofort als Verlust nieder. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Lebensversicherer im Unterschied zu Banken langfristige Verbindlichkeiten haben, was ihnen Zeit lässt, auf eine Erholung des Marktes zu warten.

Nach zwei Jahren mit Berichten zu den Solvabilitätskapitalanforderungen können wir die Entwicklung des Solvabilitätsquotienten nun zum ersten Mal betrachten. Gegenüber 2016 ist der durchschnittliche Quotient (weiterhin basierend auf unserer Stichprobe) erheblich angestiegen: von 194 auf 200 Prozent (+6 Prozentpunkte).

Zwar wurden die Ergebnisse weitgehend durch ein günstiges Marktumfeld positiv beeinflusst, doch ist der Anstieg zu einem großen Teil auf betriebsunabhängige Faktoren zurückzuführen. Maßnahmen der Geschäftsführung (Veräußerungen oder Neuemission von Schuldtiteln) und Modell- bzw. aufsichtsrechtliche Änderungen waren die größten Wachstumsfaktoren. Hieraus ergeben sich zwei klare Schlussfolgerungen: Erstens gehen die Versicherungsgesellschaften immer differenzierter vor, was das eigentliche Verständnis und die Modellierung ihrer Risiken angeht. Zweitens zahlen sich die veränderten Geschäftsmodelle (insbesondere für Lebensversicherer) allmählich aus. Zu den Beispielen für veränderte Geschäftsmodelle gehört neben der Öffnung  versicherungsinterner Asset Manager Einheiten auch für externe Mandate die Verlagerung der Lebensversicherer von herkömmlichen Lebensversicherungen auf hybride oder fondsgebundene Produkte. 

Insgesamt zeigen die Veröffentlichungen, dass der europäische Versicherungssektor allgemein solide und gut mit Kapital ausgestattet ist.  Dennoch besteht die Möglichkeit, dass die Solvenz im Jahr 2017 ihren Höhepunkt erreicht hatte, insbesondere angesichts der gesamtwirtschaftlichen Unsicherheit und der Pläne der Europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen (EIOPA) zur Überprüfung der Standardformel. Der nächste jährliche Gesundheitscheck (d.h. die Berichte zur Solvenz- und Finanzlage für 2018) wird neue Erkenntnisse zutage bringen.

[1]Solvabilitätskapitalanforderungsquotient = anrechnungsfähige Eigenmittel/Solvabilitätskapitalanforderung

[2]EPIFP: Expected Future Profit included in Future Premium (in zukünftigen Prämien berücksichtigte erwartete zukünftige Gewinne)

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